Mittwoch, 17. Oktober 2007

Deine Stimme gegen Wohlstandszynismus

Heute ruft "Deine Stimme gegen Armut" dazu auf, am weltweiten "Stand up & Speak out"-Weltrekordversuch teilzunehmen.
"Deine Stimme gegen Armut" kennt der eine oder andere vielleicht durch den Satz "alle drei Sekunden stirbt ein Kind an den Folgen extremer Armut" oder den Rock-gegen-alles-mögliche Frontmann
Herbert Arthur Wiglev Clamor Grönemeyer, der unter anderem auch beim G8-Gipfel gegen Armut, Arschkrebs und Globalisierung beziehungsweise Armut und Arschkrebs durch Globalisierung gerockt hat.
"Wir stehen auf als Mitglieder der Generation, die der extremen Armut weltweit ein Ende setzen kann. Wir stehen auf, weil wir nicht wollen, dass uns die nächste Generation fragt: ‚Warum habt ihr nichts getan, als Millionen Menschen an den Folgen von extremer Armut gestorben sind? Warum habt ihr zugelassen, dass Milliarden Menschen ihr Leben lang unter extremer Armut gelitten haben?’ Wir wollen die Generation sein, die etwas unternommen hat."*
So steht es in der Erklärung zur "Stand Up & Speak Out"-Aktion. Und wie kann man als Mitglied der Generation, die der extremen Armut ein Ende setzen kann, der extremen Armut ein Ende setzen? Durch den Boykott von Firmen, die ihre Produkte mittels Kinderarbeit in der dritten Welt herstellen? Durch Generalstreik, Demonstrationen und zivilem Ungehorsam? Oder gar durch Gründung einer Partei, einer außerparlamentarischen Opposition oder gar einer terroristischen Vereinigung? Weit gefehlt!
Vielmehr muss man sich dafür, und da wäre nicht einmal ein Mensch mit soviel Phantasie und absurdem Humor wie ich drauf gekommen, einfach hinsetzen und wieder aufstehen. Idealerweise ruft man beim Aufstehen noch irgendwas blödes wie "Armut ist voll doof", "Nazis raus" oder - wenn man etwas mutiger ist - "ich finds eigentlich ganz gut" und lässt den schamlosesten der Gruppe noch irgendeinen Quatsch vorlesen. Anschließend hoffe man, dass an dieser Aktion weltweit mehr als 23,5 Millionen Menschen mitgemacht haben (die Überlegung, dass 'das ja wohl zu machen sein sollte, wenn die Negerkinder in Afrika, für die man sich die neue Hose schließlich dreckig macht, auch mal kurz ihre Ärsche hochkriegen würden', behalte man dabei bitte für sich) und schon steht man in Guinness´ Buch der Rekorde.
Sonnenklar, dass die Staats- und Regierungschefs der Welt daraufhin gar nicht mehr anders können als sich an ihr Versprechen zu erinnern, bis 2015 (also in 8 Jahren, in denen nach "Deine Stimme gegen Armut" weitere 3504000 Kinder an den Folgen extremer Armut gestorben sein werden) die UN-Entwicklungsziele umzusetzen.
Schon jetzt ist also abzusehen, dass die Armut auf der Welt bald ausgerottet sein wird. Und sollte diese teuflische, das Kapital tief ins Mark treffende und in den Grundfesten erschütternde Aktion wider Erwarten nicht den geplanten Effekt haben, wird "Deine Stimme gegen Armut" den Leuten sicher bald mit ähnlich markigen Worten und fundamentalen Aktionen wie heute die Vorweihnachtszeit versüßen, so dass sich an Heiligabend keiner, der mitgemacht hat, vorwerfen muss, er hätte sich nicht gegen die Armut engagiert, dank der er sich ein weiteres Jahr über einen prächtigen Garbentisch freuen kann. Und die nächste Generation wird sagen: "
super, dass ihr mit 24 Millionen anderen Hirnamputierten aufgestanden seid, als Millionen Menschen an den Folgen von extremer Armut gestorben sind. Und danke für die Playstation, aber das Spiel ist scheisse, ihr Trottel!"

*(Quelle: "www.deine-stimme-gegen-armut.de")